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Unruhen und Hungersnot

 

Neben den Herausforderungen der Industrialisierung mussten die Steyler Missionare sich auch an die politischen Verhältnisse anpassen. Denn die Arbeit der katholischen Mission in Indien war abhängig vom Wohlwollen der indischen Regierung und ihren verschiedenen Behörden. Dies hatten Gesetze gegen die Einreise ausländischer Missionare und Beschränkungen ihres Wirkungskreises gezeigt. Vor diesem Hintergrund ist der erfreute Bericht eines Steylers im Arnoldus zur Wahl des neuen Ministerpräsidenten von Orissa zu verstehen. Die Wahl Biren Mitras am 25. September 1964 kommentierte der Verfasser mit folgenden Worten: „Orissa hat immer ideale Ministerpräsidenten gehabt, seit unsere Mitbrüder vor 15 Jahren hierher kamen. Erst war es Ministerpräsident Mahatab, der sich öffentlich zugunsten der Missionare aussprach, als der Niyogi-Bericht die Missionsarbeit praktisch vernichten wollte. Dann kam Patnaik, der viel für das Land tat und ein sehr gutes Andenken hinterließ und jetzt unser Freund Biren Mitra." Mitra wurde als sozial eingestellter Mann geschildert, dem das Wohlergehen der Armen am Herzen lag. Er war ein großer Landbesitzer, der sich für die Landreform einsetzte. Selber Hindu, war er mit einer gläubigen Christin verheiratet und ließ seine Kinder in katholischen Schulen erziehen.

 

Mitte der 60-er Jahre kam es in Orissa zu schweren Unruhen. Ursachen waren Konflikte in Ostpakistan zwischen Muslimen und der hinduistischen Minderheit. Hermann Westermann schrieb 1964 an den Generalassistenten Spreti: „Täglich kamen hier Züge mit Flüchtlingen durch, die Schreckliches zu berichten wußten." Die Menschen in der Region seien über die schlechte Behandlung der Hindus in Pakistan so aufgebracht gewesen, dass sie ihrerseits versucht hätten, sich an den Mohammedanern vor Ort zu rächen. Besonders in Rourkela kam es zu bewaffneten Überfällen. „Viele Ureinwohner auf dem Lande schlossen sich zu Banden zusammen - bewaffnet mit Pfeil und Bogen, Messern und Äxten - und fielen über Mohammedanersiedlungen her, machten Treibjagden auf die Mohammedaner, die sich im Dschungel zu retten suchten. So sind viele auf grausame Weise umgekommen, bis Militär kam und mit Gewalt die Ruhe wiederherstellte." Über seine Mitbrüder berichtete Westermann, dass es allen gut gehe, auch wenn zwei oder drei kurz in großer Lebensgefahr geschwebt hätten. So hatten rund 50 Mohammedaner, fast alle Frauen und Kinder, Schutz auf einer Missionsstation in Jhunmur gesucht. Der dortige Missionspater Speicher nahm sich der Leute an. Als sie dann aber vom Anrücken einer hinduistischen Bande hörten, flüchteten die Moslems und wurden unweit der Missionsstation umgebracht. Die Bande kam später nochmals zurück, möglicherweise, um sich an dem Pater zu rächen. Inzwischen war auf der Missionsstation jedoch Militär eingetroffen. Ein anderer Pater hatte erfahren, dass sich über 300 Mohammedaner in einem katholischen Dorf aufhielten, etwa sieben Kilometer von seiner Missionsstation entfernt. Er schickte einen Mitbruder zur nächsten Polizeistation, die wiederum Nachricht ans Militär gab, so dass diese Gruppe von Mohammedanern gerettet werden konnte.

 

Mitte der 60-er Jahre gab es im Bistum Sambalpur außerdem eine Hungersnot. Am Schlimmsten betroffen war der Bezirk Sundargarh. Viele Kinder kamen nicht mehr zur Schule, weil sie nichts zu essen hatten. Sie mussten mit ihren Eltern bei der staatlichen Lebensmittelverteilung Schlange stehen oder sie gingen in den Dschungel, um sich dort von Früchten zu ernähren. Von der Regierung wurden Trockenmilch und andere Lebensmittel für Schulkinder ausgegeben. Der Steyler Pater Fritz Mäsing schrieb 1966 im Arnoldus, dass auch zwei seiner Lehrer in Rajganpur zur Lebensmittelverteilung gegangen wären. Dort hätten ihnen aber zwei Beamte erklärt, dass sie christlichen Schulen nichts gäben. Dabei hätte der Distrikts-Magistrat verfügt, dass die Lebensmittel - die vermutlich von christlichen Hilfsorganisationen in Amerika stammten - an alle Schulkinder ausgegeben werden sollten, auch an Privat- und Missionsschulen. „So geht es immer wieder, von der Regierung und den höheren Beamten werden gute Gesetzte gegeben, aber sie werden nicht durchgeführt", klagt Mäsing in seinem Bericht. „Fast täglich kommen Leute und bitten um Arbeit. Es tut einem weh, wenn man sieht, wie sie sich verstohlen mit dem Sari die Tränen aus den Augen wischen, wenn man ihnen keine Arbeit geben kann. ... Während ich dies schreibe, kommen eine Frau und zwei Mädchen mit einer Traglast Brennholz auf dem Kopf. Zwei Stunden sind sie gelaufen. [Sie haben das Holz auf dem Basar nicht verkaufen können.] Ich kaufe ihnen das Brennholz ab, obschon ich es nicht brauche, damit sie sich etwas Reis kaufen können. Ich könnte vielen Arbeit und Lebensmittel geben, wenn ich nur die notwendigen Mittel hätte." Als Ursache für die Hungersnot nennt Mäsing eine Missernte. „In Europa kennt man so etwas nicht." Unter anderem habe es nicht genügend Wasser für die Reisfelder gegeben.

 

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