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Die Industrialisierung in Rourkela

 

Die Anfänge des Bistums Sambalpur fielen mitten in eine Zeit großer Umwälzungen. Premierminister Jawaharlal Nehru reorganisierte nach der Unabhängigkeit Indiens Politik und Verwaltung. Er brachte die uneinigen Fürsten nacheinander zur Abdankung. Die Provinzen und früheren Fürstenstaaten wurden in eine Anzahl von Föderalstaaten umgewandelt und 1956 den Sprachgebieten angepasst. 1950 wurde Indien Republik. Nehru verwirklichte außerdem ein wirtschaftliches Entwicklungsprogramm. Dazu gehörten die Anlage von Stauseen, Bewässerungskanälen und motorisierten Tiefbrunnen für die Landwirtschaft, die Beseitigung des rückständigen Großgrundbesitzes sowie Entschuldung der Bauern. Die indische Regierung förderte außerdem die intensive Erschließung von Bodenschätzen, vor allem von Kohle, Eisen und Petroleum. Sie gründete zahllose Industrien, besonders für Elektrizität, Stahl und Maschinenbau und trieb den Handel durch umfassenden Straßenbau, neue Bahnlinien und Häfen voran.

Es zeigte sich, dass auch der Bundesstaat Orissa außerordentlich reich an Bodenschätzen war. Es gab große Vorkommen an Erz, Kalk- und Alaunstein sowie Mangan. So erfuhren die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Bistum Sambalpur Mitte der 50-er Jahre einschneidende Veränderungen, die auch die Missionsarbeit betrafen. An verschiedenen Orten entstanden nach und nach Industrieanlagen. Bei den Kalkbrüchen von Birmitrapur - angeblich den größten in ganz Asien - wurde eine große Zementfabrik errichtet. Bis in die 60-er kamen weitere Fabriken im Gebiet der Diözese hinzu, vor allem an der Eisenbahnstrecke Nagpur-Kalkutta: eine Schamottziegel-Fabrik in Belpahar, eine Papierfabrik in Brajrajnagar und eine Zementfabrik in Raigangpur.

 

Das wohl herausragendste Projekt wurde jedoch in dem Dschungeldörfchen Rourkela verwirklicht. Mit deutscher Hilfe wurde dort, an der Küste des Golfs von Bengalen, eines der damals modernsten Stahlwerke Südostasiens sozusagen aus dem Dschungel gestampft. Die Gegend um Rourkela war besonders reich an Eisenerz, Mangan, Dolomit- und Kalkstein - alles Grundbestandteile für die Eisen- und Stahlproduktion. Die grundlegenden Arbeiten für die Fabrikanlage wurden zwischen 1955 und 1960 ausgeführt. Die Bundesrepublik leistete hierbei Entwicklungshilfe mit über einer Milliarde DM. Am Aufbau des Stahlwerks waren auch deutsche Firmen beteiligt, vor allem Krupp und Dimag. Sie lieferten unter anderem verschiedene Maschinen und Maschinenteile. Am 28. März 1961 übergab Ministerpräsident Nehru dem Betrieb den letzten Teil des Stahlwerks Rourkela, eine riesige automatische Walzanlage zur Herstellung von Platten und Blechen. Die Anlage befand sich in einer Halle, die damals mit einer Länge von rund einem Kilometer und einer Breite von 300 Metern als größte überdachte Halle der Welt galt. Ende November 1961 besuchte Alt-Bundespräsident Theodor Heuss das Stahlwerk in Rourkela. Bischof Hermann Westermann war als Gast zum Festessen zu Ehren von Heuss eingeladen.

 

Die anfängliche Produktion des Stahlwerks von einer Million Tonnen Stahl pro Jahr wurde in den folgenden Jahren schnell auf 1,8 Millionen Tonnen erhöht. Das Stahlwerk übernahm schnell einen führenden Part in der Produktion mit modernsten Techniken. Um seine unabhängige Stromversorgung zu sichern, wurde in den 80-ern ein eigenes Stromwerk mit einer Leistung von 120 Megawatt gebaut. Während der 80-er und 90-er Jahre wurde das Stahlwerk immer weiter modernisiert, so dass es dem internationalen Status-quo der Industrietechnik entsprach.

 

Das Stahlwerk in Rourkela galt lange als Musterbeispiel für Entwicklungshilfe. Immerhin schuf es - ebenso wie die anderen Fabrikanlagen in der Diözese Sambalpur - Arbeitsplätze für viele Menschen. Aus dem kleinen Dschungeldorf, in dem 1931 nicht einmal 500 Menschen lebten, wurde eine Großstadt. 1981 zählte Rourkela bereits 322.570 Einwohner. 1991 waren es 398.864 und 2001 484.292 Einwohner. Viele von ihnen lebten und leben allerdings in den wachsenden Slums der Industriestadt. Denn die Industrialisierung Rourkelas griff tief in die jahrhundertealten Verhältnisse eines bis dahin ausschließlich landwirtschaftlichen Gebiets ein. Die nachteiligen Folgen bekamen vor allem die ansässigen Adivasi zu spüren. Die Adivasi sind ein indisches Ureinwohnervolk. Zu ihnen zählen unter anderem auch die Bhil, unter denen Westermann in Indore missioniert hatte. Die Adivasi leben meist als Jäger, Sammler oder Bauern. Sie haben eine eigene Sprache und Kultur. Heute wohnen über 70 Millionen Adivasi in mehr als 460 Völkern und Gemeinschaften in Indien.

 

Die Adivasi gelten als Verlierer der Industrialisierung des Landes. Denn für große Projekte wie Staudämme, Schwerindustrie und Straßenbau wurden immer mehr Adivasi in die Slums der Großstädte verdrängt. Allein für den Bau des Stahlwerks in Rourkela wurden rund 16.000 Adivasi aus 32 Dörfern in der Gegend zwangsvertrieben. In Rourkela selber fanden die Ureinwohner keine Jobs, da die Arbeit nicht ihrem geringen Bildungsniveau entsprach. Zugereiste Fachkräfte erhielten die Anstellungen. Insgesamt leben heute über zehn Millionen Adivasi in den Slums der indischen Großstädte, 90 Prozent von ihnen unter der Armutsgrenze. Diese Entwicklung ist noch nicht gestoppt. Denn die meisten Bodenschätze liegen im Stammesgebiet der Ureinwohner, dem so genannten Tribal Belt. Der Tribal Belt zieht sich quer über ganz Zentralindien, von Gujarat am Arabischen Golf bis zum Golf von Bengalen. Zwar sind die Landrechte der Adivasi in der Verfassung gesichert, doch Großgrundbesitzer, Unternehmer und sogar die Regierung umgehen sie. Da die Adivasi größtenteils nicht lesen und schreiben können, kennen sie ihre Rechte nicht. Außerdem liegt ein Großteil des Landes der Adivasi brach, da die Ureinwohner meist noch von dem leben, was ihnen der Dschungel bietet. Das verleitet selbst die Regierung dazu, ungenutztes Land zu beanspruchen. Die Adivasi erhalten oft keine oder nur geringe Entschädigungen. Oder sie werden in Gebieten angesiedelt, in denen sie nur schlecht heimisch werden können.

 

Die Adivasi waren diejenige Volksgruppe, auf die sich die Mission der Steyler in erster Linie konzentriert hatte. Die meisten Adivasi waren in der Regel weder Hindus, noch Buddhisten und standen damit außerhalb des indischen Kastenwesens. Heute zählt sich der größte Teil von ihnen zur christlichen Kirche. Nicht zuletzt aufgrund der negativen Folgen für die Adivasi sahen viele Steyler Missionare die Industrialisierung im Bistum Sambalpur mit Skepsis. „Im Rauch und in den Abgasen dieser modernen Industriewelt gehen die uralten Stammesbräuche der Ureinwohner unter", klagte Zeitler Mitte der 70-er Jahre. „Wir sind durch den so plötzlichen Einbruch der Industrie in unsere Mission vor Aufgaben und Probleme gestellt, deren Bewältigung und Auswirkungen wir noch nicht absehen", schrieb Westermann 1962 in der Steyler Missionschronik. Ihm und seinen Mitstreitern war klar, dass die Industrialisierung zwar neue Verdienstmöglichkeiten für die bis dahin ausschließlich in der Landwirtschaft tätigen Einwohner bedeutete. Sie fürchteten „aber auch große Gefahren für Glaube und Sitte, änderte die Industrialisierung doch das ganze wirtschaftliche Gefüge des Volkes" und bedeutete eine „entwurzelte und dann neuwerdende Gesellschaftsordnung" (aus Berichten verschiedener Steyler Missionare im Arnoldus von 1958 und 1961). „Der Geist der Jugend ändert sich, die Bande der Sippe, der Dorf- und Stammesgemeinschaft lösen sich. ‚Geldverdienen', diese Idee gewinnt an Stärke", so ein Steyler Missionar aus Gaibira im Arnoldus von 1959.

 

Da die neue Industrie in Rourkela viele neue Arbeitskräfte anzog, verlagerte sich allmählich der Schwerpunkt der Bistumsarbeit dorthin. Die neue Großstadt umzingelte sozusagen die bereits bestehende Missionspfarrei Hamirpur, die damals um die 10.000 Katholiken zählte und von zwei Missionaren betreut wurde. Außerdem gab es dort zu der Zeit seit einigen Jahren eine Höhere Schule für Jungen und eine achtklassige Mädchenschule (Middle School). 1956 gründete Bischof Westermann eine technische Schule in Hamirpur. Zahlreiche junge Männer, denen die Landwirtschaft des übervölkerten Gebiets keine ausreichende Verdienstmöglichkeit mehr bot, fanden nach dreijähriger technischer Ausbildung in Hamirpur Anstellung als Arbeiter im neuen Stahlwerk.

 

Durch die Umsiedlung der oft katholischen Adivasi veränderten sich auch die bisherigen Gemeindestrukturen in der Region von Rourkela. Die Station Mahjapara, für die ein Priester zuständig war, hatte danach rund 6.000 Katholiken, verteilt auf eine Entfernung von über 50 Kilometern, mit einem hohen Gebirge dazwischen. Katapali, für das ebenfalls nur ein Priester zuständig war, hatte nach der Umsiedlung über 4.000 Gläubige, verteilt zu beiden Seiten eines großen Flusses, der in der Regenzeit kaum passierbar war.

 

Mit der Industrialisierung wuchs die Zahl der Katholiken im Bistum Sambalpur. Von den über 3.600.000 Einwohnern im Jahr 1958 waren rund 83.000 Katholiken. Größte religiöse Gruppe stellten die Hindus mit 2.500.000 Anhängern. Nur 8.000 Mohammedaner lebten dagegen laut Steyler Missionschronik von 1959 in der Diözese. 1962 zählte Westermann in seinem Bistum insgesamt fast 90.000 Katholiken (Steyler Missionschronik). Allein 1961 war die Zahl der Christen um rund 5.000 Gläubige gewachsen. Dieser Anstieg war allerdings nur zum Teil auf die Bekehrungen der Missionare zurückzuführen, sondern vor allem auf einen hohen Geburtenüberschuss und auf den Zuzug von Katholiken aus anderen Gegenden Indiens in die neuen Industriestädte. Unter den zahlreichen ausländischen Angestellten befanden sich allein 300 deutsche Katholiken, für deren Seelsorge der Steyler Pater Josef Duschl bestimmt war. Kardinal Julius Döpfner besuchte am 9. und 10. Dezember 1965 auf Einladung Westermanns die Diözese Sambalpur. Höhepunkt seines Besuchs war die Einweihung des neuen katholischen Deutschen Zentrums in Hamirpur-Rourkela.

 

Die Missionsleitung errichtete für die katholischen indischen Arbeiter aus den Nachbardiözesen eine Notkapelle auf dem Gelände einer indischen Baufirma, die unter der Woche auch als Schule genutzt wurde. Unter den Arbeitern und Arbeiterinnen aus Nachbarregionen gab es außerdem Hunderte von Katholiken, die keine der örtlichen Dialekte verstanden. Diese hatten anscheinend eigene Gottesdienste in einer Kapelle der Missionsstation. Für die große Zahl junger Frauen, die vom Land in die Stadt zogen und Arbeit an den neuen Fabriken suchten, plante Westermann die Errichtung zweier Kosthäuser als Unterkunft.

Der Zustrom an Menschen stellte die Missionare neben den wachsenden Aufgaben in der Seelsorge auch vor neue Aufgaben in ihrer Schultätigkeit. Für die Missionsschulen im Bistum Sambalpur bedeutete die Industrialisierung ein neues Personalproblem, besonders im Bereich der Fächer Mathematik und Naturwissenschaften. Denn die wachsenden Industrieanlagen in Rourkela zogen viele Akademiker von den Schulen ab. Westermann sprach von einem ständigen Kommen und Gehen der Lehrer. „In den neu entstehenden Fabriken bieten sich diesen Männern vorerst noch bedeutend günstigere Verdienstmöglichkeiten. Wir zahlen ... schon höhere Gehälter als die Staatsschulen. Solange uns aber der Staat keine Beihilfen für unsere mehr als 150 Volksschulen gibt, dürfen wir nicht daran denken, die Gehälter unserer 300 Lehrer zu erhöhen."

 

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