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Glaubensverk√ľndung und Seelsorge

 

Zu Beginn seiner Amtszeit in Sambalpur organisierte Westermann die Aufteilung des Bistums neu. Zunächst splittete er die fünf großen Pfarreien der Diözese und gliederte ihnen drei weitere Missionsstationen an. Die 13 Missionare, die damals in den Pfarreien arbeiteten, wollte er auf diese Weise etwas entlasten. Denn die seelsorgerische Betreuung der Gläubigen war angesichts weit verstreuter Gemeinden in ausgedehnten Pfarreien sehr mühsam und aufreibend. Die Missionsstation Hamirpur (in der späteren Industriestadt Rourkela) zählte Anfang der 50-er Jahre zum Beispiel rund 17.000 Christen und besaß in 84 Dörfern Außenkapellen. In den anderen Pfarreien sahen die Verhältnisse ähnlich aus. Die Außenstationen konnten von den Hauptstationen 40 bis 60 Kilometer entfernt sein - und das in teilweise unwirtlichem Gelände, das nur zu Fuß oder zu Pferd zugänglich war.

 

Für jede Pfarrei standen in den ersten Jahren zwei, höchstens drei Priester zur Verfügung. Mit Ausnahme der größten Hitzeperiode und der Regenzeit musste einer von ihnen ständig unterwegs sein, um die Landgemeinden zu besuchen. Es gab zahllose Reisen zu Kranken und Sterbenden, zu Taufkursen, Predigten und Beichten - und das bei durchschnittlichen Temperaturen um die 40 Grad. Trotzdem erhielten die Außenstationen meist nur zwei- oder höchstens dreimal im Jahre Gelegenheit zum Besuch der heiligen Messe und zum Sakramentenempfang. 1958 oblag 29 Priestern und fünf Brüdern die seelsorgerische Betreuung von über 83.000 Getauften, verteilt auf zwölf Haupt- und 342 Außenstationen - und das neben der Sorge für rund 160 Volksschulen mit fast 8.000 Schulkindern sowie neun weiterführenden Schulen, die von etwa 1.500 Schülern besucht wurden. Zur Seite standen den Missionaren in diesem Jahr immerhin über 100 Schwestern verschiedener Kongregationen, 209 Katechisten und 397 Lehrer (Statistik: Steyler Missionschronik 1959).

Katholiken, die im Umkreis von fünf Kilometern um die Hauptstation wohnten, waren zum Besuch des Sonntagsgottesdienstes verpflichtet - ein Gebot, das laut Westermann im Allgemeinen beachtet wurde. Die weiter entfernt liegenden Landgemeinden hatten meistens ihre eigenen Kapellen, in denen sich die Christen sonntags versammelten, um die gewöhnlichen Gebete und den Rosenkranz zu verrichten. Außerdem hörten sie eine Predigt, die dem Dorflehrer monatlich für jeden Sonntag in gedruckter Form zugesandt wurde. Westermann schilderte die Situation 1955 im Arnoldus folgendermaßen: „Die Christen vermehren sich, ... nur die Zahl der Missionare will seit Jahr und Tag nicht wachsen. ... Unsere Stationen waren im Berichtsjahre gerade so mit Priestern besetzt, daß keiner krank sein durfte, jedenfalls nicht am Sonntag. ... Von mehreren Hauptstationen aus könnte man leicht am Sonntagnachmittag größere Außenstationen erreichen, wo man mit vier- und sechshundert und noch mehr Besuchern der Abendmesse rechnen könnte. Wer aber zur Messe kommt, will auch beichten und kommunizieren. Der Priester müßte also nach all den Anstrengungen des Vormittags nochmals stundenlang im Beichtstuhl sitzen. Bei der Hitze würde er sich aber in kurzer Zeit vollständig ruinieren. So müssen wir auf die Abendmessen auf Außenstationen verzichten. Die Leute müssen sich mit einem Gottesdienst am Morgen begnügen, der vom Katechisten geleitet wird."

 

Einmal im Monat oder zumindest zu den kirchlichen Hauptfesten kamen die Gläubigen jedoch auch von weit her zu den Pfarrkirchen der großen Missionsstationen, um einer heiligen Messe beizuwohnen und Sakramente empfangen zu können. Dabei konnte es zu einem großen Andrang der Gläubigen kommen, der die Messfeiern für die Priester anstrengend und den Ablauf schematisch machte. „Am Karsamstag stand das Volk nun so dichtgedrängt [vor den Beichtstühlen], daß von den offenen Kirchenfenstern kaum ein Lufthauch mehr den Weg zu mir fand", berichtete Westermann über ein Osterfest. „Es war sehr heiß und die Leute waren durchschwitzt, so daß mich eine wahre Glutwelle umgab. Bisweilen wollte mir beinahe der Atem ausgehen. Bald ging alles mechanisch: da kniet jemand auf der rechten Seite nieder, bekennt seine Sünden, erhält ohne Ermahnung die Buße und Absolution, und während man noch die Hand erhoben hält, kniet sich schon auf der linken Seite jemand nieder. Das geht so stundenlang weiter. Obwohl an drei oder vier Beichtstühlen in einer Stunde 60, 80 und sogar 100 absolviert werden, scheint die Zahl überhaupt nicht geringer zu werden. Das ist alles eher denn ideal, aber was soll man an solchen Tagen machen? ... Allmählich wurde ich so schläfrig, daß ich einmal einen kleinen Nicker tat. Ich fuhr zusammen und merkte, daß ich meine Hand zur Absolution erhoben hatte - also mitten darin eingenickt war."

 

Dem Bischof ging es hier nicht anders als seinen Priestern und Mitbrüdern. 1962 berichtete ein junger indischer Steyler im Arnoldus: „Hier muß man glücklich sein; eine Unmasse von Arbeit, jeden Sonntag 4.000 [Osterkommunionen]. Meine Armmuskeln schmerzen mich noch, da ich gestern 800-mal den Segen zu geben hatte." Ein anderer schrieb über einen Versehgang: „Zuerst mit der Bahn, dann die letzten 10 km mit dem Rad, im strömenden Regen. Seid Ihr schon einmal mit einem Rad auf den glitschigen Dämmen zwischen den überfluteten Reisfeldern gefahren, die nur 30 cm breit sind?"

 

Westermann brauchte nicht nur für die Bekehrung und die Betreuung der Christen Patres und Brüder. „[Die Brüder] könnten uns all die Arbeit an den Kostschulen abnehmen, für die wir jetzt Patres brauchen. Sie müßten sich der Knaben annehmen, die Lehrer beaufsichtigen, die Schulen leiten, ohne selbst zu unterrichten. ... Dann brauchen wir auch den einen oder anderen Bruder zur Aufsicht bei den vielen Neubauten, die wir jetzt errichten müssen. ... Die Patres sind so mit Seelsorgearbeit überladen, daß sie sich um nichts anderes mehr kümmern können. Am besten wären dafür Brüder geeignet, die selbst Bauarbeiter, Maurer oder Schreiner sind."

 

Noch 1973, nachdem die Industrialisierung weite Teile der Diözese Sambalpur erfasst hatte, bereiteten weite Entfernungen, ungenügende Infrastruktur und Personalmangel Probleme bei Glaubensverkündung und Seelsorge. Dies geht aus einem Bericht Westermanns - kurz vor seinem Amtsrücktritt - hervor. Die Situation scheint sich gegenüber den 50-er Jahren nur unwesentlich geändert zu haben: „Viele [Katholiken] wohnen trotz der vielen neuen Pfarreien immer noch weit von der Kirche entfernt und können darum unmöglich jeden Sonntag zum Pfarrgottesdienst kommen. So haben sie in ihren Dörfern kleine Kapellen errichtet, in denen ein Katechist oder Lehrer mit ihnen an Sonntagen Gottesdienst hält." Immer noch kamen viele Gläubige nur zu den großen Kirchenfesten in die Hauptstationen. Die Einzelgemeinden wurden nach wie vor meist zwei- bis dreimal im Jahr von Pfarrgeistlichen besucht.

 

Westermann war als Bischof von Sambalpur genauso bestrebt, auf die indische Kultur einzugehen, wie als junger Missionar in Indore. So ließ er im Gottesdienst Kirchenlieder singen, deren Melodien den einheimischen Volksliedern angepasst waren. „Die Leute sind ganz [beim Gottesdienst], seitdem die Gebete und Lesungen in ihrer Muttersprache gehalten werden und die Gesänge einheimische Melodien und Musikbegleitung haben" (Festschrift zur Verleihung der Ehrenbürgerrechte). Im Arnoldus berichtete Westermann von einer Begrüßungsfeier namens „Swagat", die am Nachmittag eines Firmungstages stattfand. Dorf für Dorf hatte hierzu seine Vertreter entsandt. Der Bischof wurde nach einem festen Ritus begrüßt: „Zuerst Händewaschung und Bekränzung, dann Ansprache des Dorfschullehrers und Überreichung der Geschenke durch Frauen: Hühner und Eier, Reis und Obst und Süßigkeiten. Schließlich setzen die Trommeln ein, um die Männer und Frauen bei ihren Tänzen und Reigen zu begleiten. Es ist ein buntes lebhaftes Treiben. Unsere Christen gehören vier oder fünf verschiedenen Volksgruppen an, die alle ihre eigenen Trachten und Gebräuche, Lieder und Tänze haben. Und sie wetteifern förmlich, jeweils das Schönste und Beste zu bieten. ... Und wenn ich dann nach Hause zurückkehre, bin ich so ausgestattet und beladen, daß ich nicht nur eine kleine Hühnerfarm, sondern auch einen Laden mit Kolonialwaren eröffnen könnte."

 

Westermanns Verständnis für die indische Kultur hatte jedoch in manchen Punkten ihre Grenzen. So ging ihm die Art, in der die Leute dort beteten, „furchtbar auf die Nerven." Während einer Firmungsfeier, die wegen der großen Anzahl von Firmlingen sehr lange dauerte, ließe er daher nur Lieder singen. „Der ‚Singsang‘ des Betens würde mich ständig durcheinander bringen, so daß ich am Ende meiner Verrichtungen nicht einmal sicher wäre, daß ich auch alles richtig gemacht habe."

 

Aus den Berichten, die Westermann in den 50-er Jahren für den Arnoldus verfasste, spricht der gleiche anschauliche Humor, der auch die Berichte des jungen Indore-Missionars in der Steyler Chronik würzten. 1953 war Westermann zu einer Firmung nach Kesramal gefahren. Unter den 650 Firmlingen waren einige ältere Frauen und Männer, von denen der Bischof annahm, dass sie sich bei seinem Vorgänger, dem Bischof von Ranchi, gedrückt hatten. „Bei ihm hatte der Handschlag bei der Firmung noch seine volle Währung, so daß niemand ihn vergaß, wie ich vor kurzem selbst feststellen konnte. Als ich nämlich in einem Dorfe eine alte Frau fragte, ob sie auch gefirmt sei, wußte sie nicht recht, was ich wollte. Da kam mir eine junge Frau zu Hilfe: ‚Tante, der Bischof fragt, ob du schon vom Bischof die Ohrfeige bekommen hättest.‘ Da wurde die alte Dame ganz lebhaft: ‚Ja, Ja, schon lange!‘ und wehrte mit beiden Händen ab, als wenn sie befürchtete, ich könnte die Zeremonie wiederholen."

 

Obwohl Westermann mit seinem Schul- und auch mit seinem Gesundheitsprogramm Fortschritte machte, ging es an anderen Stellen eher schleppend voran. In der Steyler Missionschronik schrieb er 1962: „Von unseren 17 Pfarreien haben bisher nur sechs eine einigermaßen gute Kirche. Alle anderen müssen sich mit irgendeinem anderen Gebäude begnügen." In den verhältnismäßig großen Kirchenräumen gab es keine Bänke. Die Gläubigen saßen oder knieten auf dem bloßen Boden. „Trotzdem haben die Leute nicht alle Platz, die an den Feiertagen zum Hauptgottesdienst kommen. Wir halten ihn deshalb meist im Freien, was hier fast während des ganzen Jahres kaum Schwierigkeiten macht." Für Bau und Instandhaltung der Kapellen hatten die Dorfbewohner selber zu sorgen. Manchmal waren es einfache Gebäude aus Lehm, manchmal „wirklich schöne Gotteshäuser". In einem Dorf hatte ein „heidnischer" Holzhändler das Baumaterial für eine Kirche gestiftet. Die Bauarbeiten leisteten die Dorfbewohner zum Teil in Eigenarbeit. Außerdem musste jede Familie durchschnittlich 50 Rupien beisteuern. 50 Rupien entsprachen damals etwa 50 DM, aber ein Volksschullehrer verdient in Indien zu der Zeit monatlich nur etwa 25 Rupien.

 

Die Gelder für den Aufbau der Pfarreien - vor allem für Kirchen, Pfarrhäuser, Schulen und Schwesternheime - kamen zumeist von auswärts. Hatte eine Gemeinde aber erst einmal diese Gebäude, konnte sie sich meist einigermaßen selber helfen. Viele der bekehrten Inder waren Kleinbauern, die laut Westermann von ihren paar Morgen Land ihre Familien „einigermaßen" ernähren konnten. „Dabei sind sie ganz willig, zu den laufenden Auslagen der Pfarrei beizutragen." Den größten finanziellen Posten nahmen die Schulen ein. Fast alle waren staatlich anerkannt und erhielten entsprechende Beihilfen, in der Regel fast zwei Drittel der Lehrergehälter. Doch die übrigen Gehälter sowie die Auslagen für den Unterhalt der Schulgebäude mussten von den Gemeinden oder der Diözese finanziert werden. Allerdings durfte der Bischof als Schulträger keine Schulgelder erheben. „Unsere Christen gehören nämlich fast durchweg dem einen oder anderen Stamm der Ureinwohner an, für die nach staatlicher Verfügung der Schulbesuch frei ist. Ausgenommen blieben die Hindu- und Mohammedanerkinder an unsern höheren Schulen, von denen wir vom Staate festgesetzte Beiträge erheben müssen", erklärte Westermann 1955 im Arnoldus. Auch ohne Schulgeld bedeutete es für die katholischen Inder oft ein großes Opfer, ihre Kinder auf eine der Missionsschulen zu schicken. Sie mussten die Schulen auf den Dörfern selber bauen und in Stand halten. Dazu kamen die Auslagen für diejenigen Kinder, die auf eine der höheren Schulen gingen und wegen der weiten Entfernungen dort wohnen mussten. Westermann räumte bereits 1952 im Arnoldus ein, dass die meisten Dorfbewohner es oft viel billiger haben könnten, wenn sie ihre Kinder zu den öffentlichen Staatsschulen schicken würden. Denn dort mussten sie nicht für den Bau des Schulgebäudes und für das Lehrergehalt aufkommen. „Allein, sie halten sich durchwegs an die Vorschrift der Kirche und schicken ihre Kinder nur zu den katholischen Schulen."

 

Ohne Schulgelder waren die Diözesanleitung und die Gemeinden auf Spenden und Sammlungen angewiesen. Zum einen vereinbarte Westermann mit den Katholiken, dass jede Familie, auch kinderlose Paare, jährlich 20 Kilogramm ungeschälten Reis in einen Schulfond zahlte. Reis galt als krisensicheres Zahlungsmittel und war außerdem zur Erntezeit relativ leicht zu bekommen. Der Erlös aus dem Reis reichte jedoch allein nicht aus, um die Ausgaben zu decken. Immerhin konnte auf diese Weise jedem der rund 350 Lehrer die Hälfte seines Gehalts in Form von 1.000 Kilo Reis pro Jahr ausgezahlt werden. Die andere Hälfte musste die Missionsleitung selber aufbringen.

 

Zur Unterstützung der christlichen Mission gab es in Sambalpur noch eine zweite Sammlung, das so genannte Reisopfer. Bei einigen Volksgruppen in der Diözese bestand der „heidnische" Brauch, dass die Frauen den Ahnen bei jeder Mahlzeit etwas gekochten Reis opferten. Westermann: „Wir haben unseren katholischen Frauen nahegelegt, diese Sitte beizubehalten, aber dahin umzuändern, daß sie statt den Ahnen, die keinen Reis mehr brauchen, bei jeder Mahlzeit etwas ungekochten Reis für die Bedürfnisse der Kirche opfern. Die meisten unserer Frauen machen mit."

 

Viele katholische Inder spendeten auch zu anderen Gelegenheiten, beim Erntedankfest oder beim Pfarrfest. Auch dankte Westermann wiederholt für tatkräftige Unterstützung aus seiner deutschen Heimat, darunter die Päpstlichen Hilfswerke und private Förderer. Doch trotz der guten Spendenbereitschaft indischer und ausländischer Stifter reichte das Geld in vielen Pfarreien oft nicht aus. „Unsere Schulen verschlingen eben zuviel Geld", so Westermann. Daher sah die Lage Anfang der 70-er Jahre so aus, dass die Diözesanleitung keine neuen Schulen mehr eröffnete und einige kleinere geschlossen hatte. Westermann fürchtete sogar, noch mehr Schulen aufgeben zu müssen. „Das wird aber ein bitterer Tag für unsere Christen sein; denn sie sind stolz auf ihre Schulen, die sie in den meisten Fällen zu einer Zeit eröffnet haben, als es weit und breit noch keine anderen Schulen gab und für die sie große Opfer gebracht haben."

 

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