Schriftgröße:
normale Schrift einschalten große Schrift einschalten sehr große Schrift einschalten
 

Die Dienerinnen Mariens und das Krankenhaus in Kalunga

 

In seinem Bestreben, Einheimische für die Missionsarbeit zu gewinnen, kümmerte sich Bischof Westermann auch intensiv um den Orden der Handmaids of St. Mary. „[Wir] leiden ... hier unter einem akuten Schwesternmangel", klagte Westermann noch im September 1954. „Bisher arbeiteten in der Diözesen nur 15 Töchter vom Hl. Kreuz auf drei Stationen, wo sie Mittelschulen für Mädchen und Armenapotheken leiteten. ... Die Genossenschaft der Dienerinnen Mariens entwickelte sich ... nur langsam. Sie zählt erst 17 Profeßschwestern. Mit Ausnahme von vier Schwestern ... befinden sich alle noch in der Ausbildung. Erst im vergangenen Jahr stellte sich eine größere Anzahl Kandidatinnen ein, so daß sich jetzt 15 Schwestern im 1. Noviziat befinden. Die meisten von ihnen sind aber aus der Ranchidiözese. Von unserm eigenen Sprengel können wir vorläufig gar nicht viele Schwesternberufe erwarten, da unsere Mädchenschulen im Gegensatz zu den Knabenschulen sehr schlecht und unregelmäßig besucht sind. So gelangen nur sehr wenige Mädchen zur Mittelschulreife, die als Bedingung für den Eintritt verlangt wird. Erfreulicherweise haben sich aber wiederum von Ranchi, und jetzt auch von Südindien, viele Mädchen zum Eintritt gemeldet."

 

Die Schwesternschaft der Handmaids of St. Mary war 1944 von dem Jesuiten Edmund A. Harrison, Pfarrer von Kesramal, gegründet worden. Die Gründung erfolgte mit Zustimmung des Bischofs von Ranchi, Oscar Severin SJ, zu dessen Diözese Kesramal zu jener Zeit gehörte. Die Ordensschwestern sollten den Missionaren bei der Verkündung des christlichen Glaubens in den Dörfern, besonders bei Frauen und Kindern, helfen. Harrison sorgte für den Orden, bis er im Jahr 1946 aus Gesundheitsgründen versetzt wurde.

 

Bei seinem Amtsantritt 1951 fand Westermann nur eine kleine Zahl von Schwestern vor. Er selber sprach in einem Bericht von 9 Professschwestern und 8 Novizinnen. Die Nonnen brauchten dringend Unterstützung. Da sie keine eigenen Einnahmequellen hatten, lebten sie zu der Zeit in großer Armut. Außerdem waren sie nicht gut ausgebildet und besaßen nur geringe Volksschulkenntnisse. Westermann erkannte, dass der Orden mehr qualifizierte Schwestern brauchte, um den Anforderungen der Missionierung gewachsen zu sein. Er übernahm zunächst selber den Posten des geistlichen Direktors der Kongregation sowie die geistliche Leitung der Novizinnen. Er verlegte das Noviziat der Handmaids von Gaibira, wo es zu jener Zeit untergebracht war, zu seinem Amtssitz Kalunga. Er erteilte den jungen Schwestern anfangs selber Unterricht, führte sie in das Gebets- und Ordensleben ein, unterwies sie im Gemüseanbau und im Umgang mit Geflügel.

 

Für die Aufnahme in den Orden wurde wenigstens Volksschulreife verlangt. Doch zunächst war es schwer, Nachwuchs für die Schwesternschaft aus der Diözese Sambalpur zu gewinnen. Mädchen gingen Anfang der 50-er Jahre in Indien nur selten zur Schule. „Auf den Oberklassen unserer drei Volksschulen für Mädchen war damals nur eine Handvoll Schülerinnen", so Westermann. Neue Anwärterinnen für die Schwesternschaft kamen zu jener Zeit aus anderen indischen Diözesen nach Sambalpur, aus den Nachbardiözesen oder aus Westermanns altem Missionsgebiet Indore. In Sambalpur mussten sie zunächst die Mittlere Reife an den Höheren Mädchenschulen erwerben. Nach einem anschließenden zweijährigen Noviziat gingen die Nonnen entweder auf die Universität, um Lehrerin zu werden, oder sie wurden in Krankenpflege oder anderen sozialen Berufen ausgebildet. Westermann scheute hier offenbar keine Kosten. Viele Schwestern schickte er an auswärtige Bildungseinrichtungen, sogar ins europäische Ausland.

 

Die Leitung der Gemeinschaft musste Westermann wegen seiner Überlastung mit anderen Amtspflichten jedoch bereits 1953 abgeben. Er übertrug sie Pater Carl Schmidt, dem Pfarrer von Hamirpur. Schmidt gehörte zu jenen „Pionier-Missionaren", die bereits 1948 nach Sambalpur gegangen waren. Auch nach seinem Rücktritt als Leiter der Handmaids nahm Westermann regen Anteil am Leben der Schwestern - selbst noch nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Aufgrund seiner Fürsorge und finanziellen Unterstützung verehrten die Nonnen ihn als ihren „Bap", was in ihrer Heimatsprache „Vater" bedeutete.

Unter Hermann Westermann wuchs die Kongregation der Dienerinnen Mariens stetig. 1952 begann der Bischof mit einem Erweiterungsbau für das Kloster. 1953/54 berichtete Westermann im Arnoldus, dass das Noviziatshaus der Handmaids am Fest Mariä Geburt eingeweiht worden sei. Das „ansehnliche" Gebäude bot rund 80 Schwestern Platz. „Diese Zahl haben wir aber jetzt schon fast erreicht, nachdem zu den 38 Novizinnen noch 24 Kandidatinnen hinzugekommen sind." 1962 zählte Westermann 113 Professschwestern, dazu 32 Novizinnen. Während in dieser Zeit auf drei einheimische Steyler Patres 27 ausländische kamen, kamen auf die rund 130 einheimischen Schwestern nur fünf ausländische (Steyler Missionschronik 1963). 1973 lebten in der Genossenschaft 200 Professschwestern und 28 Novizinnen. Laut Zeitler waren es beim Abschied Westermanns 233 Schwestern.

 

Heute leben fast 300 Handmaids in elf Diözesen Indiens, davon 210 allein in Rourkela und 42 in Sambalpur. Die Nonnen engagieren sich in den verschiedensten Bereichen, meist in Zusammenarbeit mit den zuständigen Bistümern. Ihre Schwerpunkte sind Glaubensverkündung und Katechese in den Dörfern. Da sie besonderen Wert auf persönlichen Kontakt legen, gehen sie teils zu Fuß, teils fahren sie mit dem Rad. Nur selten benutzen sie öffentliche Verkehrsmittel. In den Dörfern bleiben sie oft wochenlang. Dort unterrichten sie, beten mit den Dorfbewohnern und essen ihre einfachen Mahlzeiten. Sie helfen den Priestern in der Sakristei und bereiten die Menschen auf den Empfang der Sakramente vor. Sie kümmern sich besonders um die Erziehung armer Stammeskinder und leiten Internatsschulen für Kinder, die von weither kommen. Außerdem unterweisen die Dienerinnen Mariens Frauen im Nähen, Sticken oder Maschinenschreiben. Die Schwestern im medizinischen Apostolat engagieren sich in der Gesundheitsvorsorge und Krankenpflege, besonders auch in den abgelegenen ländlichen Bezirken. In allen Zentren wollen die Handmaids Menschen auf ihre Rechte aufmerksam machen und lehren, sich gegen Ungerechtigkeit durchzusetzen.

 

Als Westermann die Diözese Sambalpur übernahm, musste er feststellen, dass es kaum eine medizinische Betreuung für die Armen, besonders für die Ureinwohnerstämme, gab. Um den Kranken zu helfen, wollte der Bischof ein Hospital bauen. Das Krankenhaus sollte auch für die eigenen Patres, Brüder und Schwestern sein. „Wir wissen ja jetzt kaum, wo wir hingehen sollen, wenn wir mal ernstlich erkranken", schrieb Westermann 1954 im Arnoldus. Das nächste Hospital, das dem indischen Staat gehörte, war an die 80 Kilometer von Kalunga entfernt. Doch zunächst fehlte es Westermann an ausgebildetem Personal und an Geld, um seine Pläne in die Tat umzusetzen.

 

Nachdem Westermann seinen Sitz in Kalunga genommen hatte, plante er, neben seinem Wohnhaus und einem zweiten Haus drei weitere kleine Anwesen für das Bistum zu kaufen. Er wollte einen schönen zusammen liegenden Komplex haben, an dem er Kirche, Schule und ein Hospital errichten konnte. Auf Westermanns Einladung kam zunächst eine Ärztin aus Deutschland, Dr. Hüffer. Sie war die Tochter des Eigentümers vom Aschendorff-Verlag in Münster. Mit ihrer Hilfe richtete der Bischof in seinen Gebäuden ein kleines Hospital ein. Dr. Hüffer wurde für kurze Zeit von einer weiteren deutschen Ärztin, Dr. Margareth Hegemann aus Freiburg, unterstützt. Hegemann schloss sich jedoch schon bald der Kongregation Mutter Theresas in Kalkutta an. Westermann ließ die Handmaids of St. Mary als Krankenschwestern, Laborantinnen und Röntgenassistentinnen ausbilden. Da die Zahl der Patienten stetig zunahm, baute Westermann trotz mangelnder Gelder Mitte der 50-er ein neues Hospital mit rund 50 Betten, das Missionshospital Kalunga. Weitere Ärzte wurden eingestellt.

 

Damit auch die Menschen in den entlegenen Dörfern medizinisch versorgt wurden, begann Westermann, Apotheken und ambulante Krankenstationen in den einzelnen Pfarreien zu errichten. Rund 20 dieser Stationen, die dem Hospital in Kalunga angegliedert waren, gründete er zu seinen Lebzeiten. Wer in diesen ambulanten Stationen nicht behandelt werden konnte, wurde ins Missionshospital überführt.

 

In den 70-er Jahren befand sich das Hospital von Kalunga in keinem guten baulichen Zustand mehr. Aufgrund des starken Zugverkehrs auf der Eisenbahnstrecke Bombay-Kalkutta hatte das Gebäude Risse bekommen. Außerdem war es zu klein geworden, um moderne medizinische Geräte unterzubringen. Westermann plante daher einen Neubau, den er jedoch wegen seines Rücktritts 1974 nicht mehr in Angriff nehmen konnte. Nach der Teilung des Bistums Sambalpur in die Diözesen Rourkela und Sambalpur verwirklichte der Bischof von Rourkela, Alfons Bilung, den Plan seines Vorgängers. Mit finanzieller Unterstützung von Misereor ließ er drei Kilometer von Kalunga entfernt ein neues 85- Betten-Hospital bauen. Die in der Region lebenden Stämme der indischen Ureinwohner werden dort sehr günstig, manchmal sogar kostenlos, behandelt. Die Ordensschwestern und Patres, die im Krankenhaus arbeiten, nehmen kein Gehalt. Um moderne Geräte anschaffen zu können, ist das Krankenhaus allerdings auf finanzielle Hilfe von auswärts angewiesen.

 

zurück         weiter