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Als Bischof in Sambalpur (1951 bis 1974)

 

Westermann wird Oberhirte einer neuen Diözese

 

1948 übernahm die Steyler Gesellschaft das Missionsgebiet „Sambalpur" von den Jesuiten. Dem Orden war es aufgrund akuten Personalmangels nicht mehr möglich, die wachsende Mission weiterhin ausreichend zu betreuen. Dies hatte der Missionssekretär der Jesuiten 1946 gegenüber dem Steyler Generalsuperior in Rom angegeben.

 

Sambalpur wurde bei der Übernahme 1948 zur Apostolischen Präfektur, am 14. Juni 1951 dann vom Papst zur Diözese erhoben. Das neue Bistum lag in der ostindischen Provinz (heute Bundesland) Orissa, etwa 600 Kilometer südwestlich von Kalkutta. Es war mit einer Flächengröße von rund 50.880 Quadratkilometern etwa so groß wie die Schweiz. Das Gebiet umfasste die vier Verwaltungsdistrikte Sambalpur, Bolangir, Dhenkanal und Sundargarh, außerdem einen Teil des Distrikts Kalahandi. Sambalpur wurde aus Teilen der Erzdiözese Kalkutta und den Diözesen Ranchi und Nagpur errichtet. Die neue Diözese wurde nach ihrer damals größten Stadt benannt: Sambalpur besaß 1951 rund 23.525 Einwohner und war Sitz des Regierungspräsidenten. Klimatisch gilt Sambalpur auch heute noch als die heißeste Gegend des Bundesstaates Orissa. Von März bis Juli herrscht eine trockene Hitze von 40 bis 45 Grad, während es in der Regenzeit feucht-heiß wird. „Ein mörderisches Klima, bei dem man aus dem Schwitzen kaum herauskommt", urteilte Berchmans Reifig in seinem Bericht „Ein halbes Jahrhundert Sambalpur-Mission".

 

Hermann Westermann wurde zum Bischof der neuen Diözese ernannt. Während eines Heimaturlaubs in Deutschland weihte der Kölner Erzbischof und Kardinal Joseph Frings, Protektor des deutschen Missionswerks, Westermann zum Bischof von Sambalpur. Die Zeremonie fand am 29. Juli 1951 in St. Augustin statt. Der Bericht in der Steyler Chronik betont die „Universalität des Festakts". Bei der Bischofsweihe assistierten dem Kardinal Frings der Bischof von Ranchi, Oskar Sevrin SJ, sowie ein Missionsbischof des afrikanischen Kontinents, Wolfgang Demont SCJ. Außerdem waren Vertreter der Gesandtschaften verschiedener Länder anwesend sowie ein Vertreter aus der Zentrale des Päpstlichen Missionswerkes in Aachen und ein Vertreter der japanischen Missionskirche.

 

Der Arnoldus vermerkt im Bericht über die Bischofsweihe eine kleine Anekdote: „So stellte sich ein Mann als indischer Priester vor. Da die Priester ihre Plätze auf dem Chor der Kirche hatten, wurde er von jemand eilig zur Sakristei geführt und in einen Talar gesteckt. Als ihm auch noch ein Rochett angeboten wurde, sagte er ein wenig verlegen: ‚Verzeihung - ich bin Hindu!‘ Das hinderte ihn aber nicht, von der Orgelbühne aus mit Interesse der heiligen Handlung zu folgen." Hermann Westermann wählte auf seinem Bischofswappen das Motto „Spiritu Christi duce" (Der Geist Christi möge mich geleiten). Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass er sich in seiner Einstellung eins wisse mit dem Steyler Ordensgründer Arnold Janssen. Für sein Wappen übernahm Westermann das springende Westfalenross als Andenken an seine Heimat. Außerdem führte er darin eine über dem Ganges schwebende Lotusblume und eine Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes. Sein Bischofsring war aus den Eheringen seiner Eltern geschmiedet worden.

 

Nach seiner Bischofsweihe in Deutschland unternahm Westermann eine kurze Reise zu seinen zahlreichen Wohltätern in Irland und Nordamerika. Am Mittwoch, den 12. Dezember, flog er dann von Rom aus mit fünf Steyler Patres nach Bombay. Noch vor dem Weihnachtsfest 1951 nahm der Bischof seine neue Diözese in Besitz.

 

Das Gebiet des Bistums Sambalpur galt zu jener Zeit als eines der rückständigsten in ganz Indien. „Es gab in der ganzen Mission damals keine einzige Fabrik", erinnerte sich Westermann mehr als 20 Jahre später (Festschrift zur Verleihung der Ehrenbürgerrechte). In Rourkela, heute eine moderne Industriestadt mit rund 500.000 Einwohnern, gab es 1951 nur Reisfelder und Dschungel. „Tiger und Bären gaben sich hier abends ein Stelldichein", schrieb Engelbert Zeitler 1976 rückblickend - als Rourkela bereits über 120.000 Einwohner hatte.

 

Die Jesuiten waren 1906 in die Mission Sambalpur gekommen. Von ihnen übernahmen die Steyler fünf Hauptstationen mit 57.772 Katholiken (nach anderen Angaben 65.000) und etwa 120 Volksschulen. „Die Jesuiten nahmen nichts von ihren Stationen mit und ließen Tisch und Stuhl stehen, wo sie gerade standen", schrieb Zeitler. Das erleichterte ihren Nachfolgern die Arbeit. Die Jesuiten hatten ihr Bekehrungswerk vor allem auf den nördlichen Teil des Missionsgebiets konzentriert, auf den Regierungsbezirk Sundargarh. Hier lebten allein 54.852 der Katholiken von Sambalpur. Die vorhandenen Volksschulen wurden fast nur von Jungen besucht. Weiterführende katholische Schulen gab es im Bistum Sambalpur 1951 noch nicht. Außerdem arbeiteten damals 23 Schwestern in der Mission. Rund die Hälfte von ihnen gehörte einer kurz zuvor in der Mission gegründeten indischen Schwesternschaft an, den Handmaids of St. Mary (Dienerinnen Mariens).

 

Die größte Stadt des Bistums, Sambalpur, hatte bei Westermanns Ankunft nur 23.525 Einwohner. „Der Ort hat mich bei meinem ersten Besuch furchtbar enttäuscht: ein paar Reihen Häuser und Hütten, das ist alles", schrieb Westermann 1952 im Arnoldus. Obwohl Sambalpur zum Bischofssitz ernannt worden war, hat der neue Oberhirte dort nie residiert. „Dort lebte ... damals keine einzige katholische Familie", erklärte Westermann in einem Bericht aus dem Jahr 1979. Auch in der Umgebung habe es nur wenige Katholiken gegeben. Daher nahm Westermann seinen Wohnsitz zunächst im nördlich gelegenen Kalunga, einer kleinen Bahnstation an der Strecke Kalkutta-Bombay. Kalunga war nur ein kleines, unbedeutendes Dorf, das bis dahin keine eigene Missionsstation gehabt hatte. Auch gab es dort zu Beginn der 50-er Jahre nur wenig Christen. „Aber in der nächsten Umgebung sind schöne Christengemeinden mit ungefähr 4.000 Seelen", so Westermann 1952 im Arnoldus. Der entscheidende Vorteil von Kalunga war seine Verkehrsanbindung: Von dort aus konnte Westermann alle Missionsstationen einigermaßen leicht erreichen. Westermann lebte hier in einem - nach eigenen Worten - „geräumigen Haus mit einem schönen Obstgarten". Das Kuriosum, „als einziger Bischof Indiens nie in seinem Bischofssitz residiert" zu haben, soll Westermann nach Aussagen von Engelbert Zeitler immer genossen haben. In den 60-er Jahren zog Westermann dann nach Rourkela, nachdem dort ein neues Industriezentrum entstanden war. Die Industrialisierung erfasst später übrigens auch das „enttäuschende" Städtchen Sambalpur: 1976 gab es dort den zweithöchsten Staudamm der Welt, der damals auf den 100-Rupia-Banknoten abgedruckt war.

 

Um seine neue Diözese kennen zu lernen, war Westermann während der ersten drei Monate seiner Amtszeit fast nur auf Reisen. Auf dieser Rundreise besuchte er alle fünf Hauptstationen des Bistums sowie zahlreiche Nebenstationen und spendete das Sakrament der Firmung. Im Arnoldus schrieb er darüber: „So ein offizieller Bischofsbesuch wird hier zu einem wahren Volksfest. Die Gläubigen kommen von weit und breit zusammen. Wie in christlichen Ländern wird der Bischof außerhalb der Ortschaft von der ganzen Gemeinde empfangen. Als erstes Zeichen der Begrüßung erfolgt die Händewaschung, eine Volkssitte, wie sie hierzulande bei jedem Familienbesuch üblich ist: Drei Mädchen treten vor, gießen Wasser über meine Hände und hängen mir einen frischen Blumenkranz über die Schultern." In einer feierlichen Prozession geleiteten die Gläubigen den Bischof dann zur Kirche, wobei dieser in einer Sänfte getragen wurde. „An einem Ort waren die Leute auch damit noch nicht zufrieden. Sie haben sich von einem ehemaligen Fürsten einen Elefanten geliehen, bunt bemalt und mit vergilbten Decken behangen. Ein Pater mußte sich zu mir setzen und den ‚Königlichen‘ Schirm über mein Haupt halten. Der Spaß kostete sie zwar drei Zentner Reis - je einen für die drei Mahlzeiten des Herrn Elefanten - aber das nahmen sie gern auf sich. Die Hauptsache war, daß sie sich rühmen konnten, dem Bischof den schönsten Empfang bereitet zu haben."

 

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