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35 Jahre Aufbauarbeit in den Slums von Rourkela

01.02.2012

Aus einem Brief zum Jahreswechsel von Pater John Alapatt:

 

"Gern nutze ich die Gelegenheit, meine insgesamt 35 Jahre Arbeit in den Slums von Rourkela mit den dort lebenden Menschen Revue passieren zu lassen.

 

Das Vorhandensein von Uneigennützigkeit im menschlichen Sein kann nicht widerlegt werden. Ähnlich ist es mit dem Gefühl von Partnerschaft, das in den Herzen vieler Menschen existiert, mit der Würde, Gerechtigkeit, dem Frieden sowie dem Wunsch nach mehr Menschlichkeit.   

 

Wie auch immer – diese Uneigennützigkeit oder der Wunsch, an einer besseren Welt zu arbeiten, bleibt meistens unerfüllt und letztlich wenig erfolgreich. Häufig ist der einzelne Mensch nicht dazu bereit, seine eigentlich ihm angeborenen Fähig- und Fertigkeiten an der richtigen Stelle und zur rechten Zeit einzusetzen.

 

Deshalb kann es erforderlich sein, eine Plattform/einen Verein zu gründen, in dem sich Menschen guten Willens zusammen finden.

 

Es war genau diese Lücke, die Bischof Hermann Westermann seinerzeit erkannte, wobei er dafür verantwortlich war, dieses Vakuum durch Pater John Alapatt zu schließen und eine Strategie für die Stahlstadt Rourkela (im Bundesstaat Orissa) zu entwickeln. Er (Bischof Westermann) gestattete ihm (Pater John Alapatt) ein Stück Land in Rourkela zu erwerben und darauf ein Haus zu bauen.

 

1974 verließ Bischof Hermann Westermann  Indien und kehrte in seine Heimat zurück; die Arbeit wurde in seinem Geiste durch Erzbischof Raphael Cheenath fortgeführt. Im Jahre 1975 wurde Seva Sadan mit dem Ziel gegründet, Menschen „guten Willens“ zusammenzuführen und damit den Boden zu bereiten für mehr Menschlichkeit auf der Grundlage von Frieden, Harmonie und getragen von gegenseitigem Respekt.

 

Seva Sadan - mit der Unterstützung von Erzbischof Raphael Cheenath - finanzierte wiederum die Community Welfare Society (CWS), die zwar als registrierter Verein unabhängig arbeiten und wirken konnte, weiterhin jedoch eine enge Verbindung zu Seva Sadan unterhielt.

 

Letztlich wurde die Community Welfare Society (CWS) im Jahre 1976 offiziell gegründet. Dies mit dem festen Glauben, dass es zahlreiche Menschen mit einem „großen Herzen“ gab, die gemeinsam einen erheblichen Beitrag für mehr Menschlichkeit leisten wollten.

 

Mein Glaube daran wurde in den vergangenen 35 Jahren zur Gewissheit, indem Menschen mit unterschiedlichsten Lebensläufen und -geschichten, die sich der Community Welfare Society (CWS) als Berater, Mitglied und Unterstützer anschlossen und ihr Möglichstes gaben, damit das Leben der Ärmsten in den Slums von Rourkela erträglicher wurde.

 

Viele der Unterstützer waren beruflich hoch qualifizierte Ingenieure, Mediziner, Lehrer, Erzieher oder aber Priester, Nonnen, etc. die an verschiedenen Stellen ihre Talente  einbrachten. Es war befriedigend und erfrischend mit anzusehen, wie unterschiedliche Charaktere ihre jeweiligen Fähigkeiten nutzten und dazu beitrugen, die Lebensqualität in den Slums zu verbessern.

 

Die Mitglieder und Unterstützer ermöglichten der Community Welfare Society (CWS) die Umsetzung vieler Projekte: Das Bohren von Brunnen, das Legen von Drainagen und Wasserleitungen, das Bauen von Häusern für Arbeiter, die in den Slums wohnten, die Errichtung von Schulen für Slumkinder, die Bereitstellung von Kinderhorten und Tageseinrichtungen zur Gesundheitsvorsorge, die Etablierung von Berufsberatungen und das Gründen von Firmen zur Produktion von Note-Books, Schneiderein, etc.

 

Seit dem Jahre 2002 wurde der Focus mehr auf die Entwicklung von „menschlichen Ressourcen“ gelegt. Als eines dieser Resultate sind bis heute viele Hundert Selbsthilfegruppen und insgesamt 54 Frauenorganisationen (Mahila Samiti) ins Leben gerufen wurden, die sich inzwischen voll und ganz eigenständig organisieren.

 

Wir dehnten darüber hinaus unsere Aktivitäten auf 60 Slums mit 80.000 Menschen aus. Die eigentlichen Reformer in den Slums waren die Frauen, die für die sozialen Belange und die wirtschaftliche Entwicklung stehen. Sie waren vorrangig dafür verantwortlich, dass sich der Lebensstandard, die Hygiene, die Gesundheit, die Erziehung der Kinder und das friedliche Miteinander in den Slums nachhaltig verbesserte.

 

Die Frauen haben zu dem das Selbstbewusstsein, ihre Stimme zu erheben und Probleme zu benennen, lange bevor es öffentliche Stellen und Politiker tun. Sie schlichten bei Streitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten‚ Auseinandersetzungen und allen anderen Fällen, ohne dass die Polizei eingreifen muss. Ihr Einsatz gegen Alkoholismus hat dazu geführt, dass viele Menschen ihren Lebensweg geändert haben. Mehr als 1000 Frauen sind heute allein oder in Gruppen unterwegs und kümmern sich um Familien und ihre Sorgen. Die geschilderten Aktivitäten sind allerdings nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

 

Das Krankenhaus

 

Das Hospital der Community Welfare Society (CWS) ist ein weiter Meilenstein der gemeinsamen Aktivitäten und Erfolge. Das Hospital verfügt aktuell über insgesamt 100 Betten und bietet eine grundlegende medizinische Versorgung für die Bewohner von Rourkela sowie des Umlandes und der angrenzenden Regionen. In den letzten acht Jahren seit seiner Einweihung kann das Krankenhaus eine stete Steigerung von Patientenzahlen aus vielen Teilen Rourkelas sowie den Nachbarstaaten (Jharkhand und Chhatisgarh) vermelden

 

Dies ist allerdings nur möglich geworden durch die aufopferungsvolle und hervorragende Arbeit der Mediziner, der Krankenschwestern sowie des gesamten Krankenhaus-Personals.

 

Alle Behandlungen werden zu einem (fairen) Preis angeboten, wodurch alle Patienten eine Möglichkeit haben, das Krankenhaus und die medizinischen Angebote zu nutzen. Neben (kosten-)freien Behandlungen für arme Menschen und Slumbewohner gibt es im Einzelfall auch umfangreiche medizinische Betreuungen für finanziell situierte und im Krankenhaus aufgenommene Patienten.

 

Die Mitarbeiter im Krankenhaus sind rund um die Uhr erreichbar; neben der grundlegenden medizinischen Versorgung aller Patienten werden die Schwerpunkte Chirurgie, Orthopädie, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Augen- und Darmerkrankungen behandelt. Daneben gibt es im Hause Physiotherapeuten und Ernährungsberater.

 

Die Diagnose-Kapazitäten sind technisch auf neuestem Stand, so dass Untersuchungen mit Blick auf pathologische, biochemische, mikrobiologische und histopathologische Veränderungen möglich sind. (...) Es gibt eine ausgezeichnete Blut-Bank und mehrere moderne Operationssäle.

 

In diesem Jahr haben wir mit dem Aufbau einer Gesundheitsversicherung begonnen, deren Teilnehmer bevorzugt behandelt werden. Wir erwarten in den kommenden fünf Jahren die Steigerung der Zahl der Karteninhaber auf rd. 5.000.

 

Obwohl die Community Welfare Society (CWS) in dieser Zeit eine Vielzahl von Aktivitäten auf den Weg gebracht hat, wurde nie vergessen, den unterschiedlichen religiösen Gruppen und Vertretern den gebührenden Respekt zukommen zu lassen: Obwohl alle Aktivitäten losgelöst von kommunaler, religiöser oder politischer Einflussnahme umgesetzt wurden.

 

Diese besondere Art der Zusammenarbeit zeigt, dass die Entwicklung und  Umgestaltung der Welt eine gemeinsame Aufgabe vieler sein kann, wobei religiöse ebenso wie nichtreligiöse Gruppen eingebunden werden können. Somit wirken alle Menschen guten Willens als Katalysator, um mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft zu fördern.

 

Über seine Zusammenarbeit mit den Beratern und den Senior-Mitgliedern der Community Welfare Society (CWS), sagte Rev. Konrad Keller, die Community Welfare Society (CWS) sei ein Modellfall dafür, wie durch gemeinsame Arbeit trotz individueller und organisierter Verschiedenheit der Helfenden (bedingt durch Religion, Sprache, Geschlecht und Herkunft) mehr Menschlichkeit in die Gesellschaft getragen worden sei.

Dazu heißt es in „Arnoldus Nota“, dem offiziellen SVD-Newsletter für den Monat November: „Die Community Welfare Society (CWS) könnte ein Beispiel für einen gelungenen interreligiösen Dialog zwischen Slumbewohnern und den armen Menschen in ganz Orissa werden. Die Zusammenarbeit zeige, dass die Entwicklung und Veränderung der Welt eine gemeinsame Aufgabe sei, die die Einbindung von religiösen sowie nicht religiösen Gruppen ermögliche.


Alle Menschen guten Willens wirken als Katalysator mit dem Ziel, mehr Menschlichkeit in die Gesellschaft zu tragen und das Reich Gottes auf Erden  zu bauen – unabhängig von ihrer Kaste, ihrem Geschlecht, ihrer Religion oder ihrer ethnischen und kulturellen Herkunft. Im Rahmen einer Zusammenarbeit, wie innerhalb der Community Welfare Society (CWS)  erfolgreich umgesetzt, widerlegen die Menschen alle entsprechenden Vorurteile und stehen für ein gemeinsames Verständnis über alle Grenzen hinweg.

 

In der heutigen Zeit reicht es nicht mehr, und es ist nicht mehr möglich, dass nur eine Person an verschiedenen Stellen versucht, Projekte voranzutreiben und damit die Gesellschaft ernsthaft verändern zu wollen. Es kann nur eine Aufgabe aller sein und bedarf einer gemeinsamen Anstrengung, ein Zeichen in einer sich verändernden Gesellschaft zu setzen.

 

In diesem Fall ist es die dringende Aufgabe der Kirche, losgelöst von religiöser  und/oder nicht religiöser Zugehörigkeit, die Menschen guten Willens zusammenzuführen – unabhängig von ihrer Kaste, ihrem Geschlecht, ihrer Religion oder ihrer ethnischen und kulturellen Herkunft –, um zu mehr Menschlichkeit beizutragen und das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen."

  

* Community Welfare Society (CWS) = Sozialinstitut Seva Sadan (mit Pater John Alapatt an der Spitze), das die offizielle Stadt Werne jährlich mit rd. 5000 Euro unterstützt.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: 35 Jahre Aufbauarbeit in den Slums von Rourkela